Zwei Zimmer

Am Wochenende hat Frau Illusorik sich zerstritten. Menschen mögen kooperativer und empathischer miteinander umgehen, sobald sie sich gegenüber stehen, aber dazu brauchen sie zwei Körper. Was für ein Luxus.

Ich habe natürlich gewonnen. In meiner Parallelwelt wird nun jeder zwei Zimmer haben, ein Nacht- und ein Tagzimmer. Eins zum träumen, schlafen, liegen bleiben, in dem man seine Akkus wieder auflädt, das andere für alles andere, das man nicht draußen unter Menschen tun mag – und in meiner Parallelwelt tun die Menschen eine ganze Menge Dinge unter Menschen, die wir hier nicht tun würden.

Meine Chefin sagt, zwei Zimmer wären nicht nachhaltig. Aber ich sage, wenn wir alle nur zwei Zimmer hätten, müssten nicht mehr ganze Familien mit mehreren Kindern in einer Hütte hausen, wie es in vielen Ländern noch vorkommt. Und die ganzen ekelig reichen und einsamen Menschen, die gar nicht mehr wissen, wie ein anderer Mensch riecht und sich anfühlt, die könnten sich nicht mehr total abschotten von allem und allen und ihr Menschsein darüber abstreifen wie das schweißnasse Kleid vom Vorabend.

Zwei-Zimmer-Politik statt Ein-Kind-Politik. Und ein Bett so groß, dass auch drei oder vier Personen bequem darin schlafen könnten, wenn sie schlafen wollten. Unzählige Probleme wären mit einem Streich gelöst.

Satzbaustelle

Wie frustrierend, dass ich hier kaum etwas zum Plot sagen kann. Ja, schön und gut, Schreiben ist ein einsames Geschäft, das ist schließlich einer der Gründe, warum ich es so liebe. Aber manchmal kommt man an den Punkt, wo man gerne mit anderen darüber gesprochen hätte. Geht halt nicht, sei’s drum.

Aber in einer entscheidenden Szene schwanke ich gerade zwischen zwei Sätzen.

  1. Und da spürte sie, dass sie noch einmal zu M. fahren musste.
  2. Und da wusste sie, dass sie noch einmal zu M. fahren würde.

Spüren oder wissen, müssen oder würden? Ich habe den Satz jetzt schon so oft umgestellt und gelesen, ich sehe gerade den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Was meint ihr? Wie wirken die Sätze auf euch?

 

Pizzakroketten

Beispiel für ein Schulessen, fotografiert von Veg für NeverSeconds im Mai 2012, Schottland (Pizza, Krokette, Mais, Cupcake)

Eigentlich kämpfe ich gerade mit meinen Figuren. Nicht mit allen, aber eine von ihnen ist aufmüpfig und bringt dadurch Unruhe ins Romanteam. Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde ihr das obige Mittagessen servieren und sie am Abend hungrig ins Bett schicken. Aber ich kann ja, wie ich will. Deswegen werde ich meine Figurenkonflikte offline mit Cast & Crew besprechen und einer Lösung zuführen.

In der Zwischenzeit kann ich hier die wahre Geschichte dieses Bildes erzählen. Was nämlich aussieht wie eine vorsätzliche Kohlenhydratvergiftung in Tateinheit mit Vitaminentzug ist tatsächlich, man glaubt es kaum, das Schulessen der neunjährigen Veg in Schottland. Seit April 2012 bloggt sie darüber auf NeverSeconds und die fast schon surreal anmutende Kombination aus Pizza, Mais, Krokette und Cupcake aus dem Blogpost vom 8. Mai 2012 hat, meiner Meinung nach, die mehr als 2 Millionen erzürnten Blogbesucher absolut verdient. Pizza mit Kroketten, seriously? Ebenso verdient hat der Gemeinderat von Argyll und Bute, dort geht Veg zur Schule, den heutigen Shitstorm, denn den Ratsmitgliedern fiel zunächst keine bessere Reaktion auf das ungewohnte Medieninteresse ein, als Veg das Fotografieren in der Schulkantine zu verbieten. Inzwischen ist man dort zur Einsicht gelangt, wie schön.

Übrigens, meine aufmüpfige Nebenfigur würde ein solches industriell zusammengepamptes Mittagessen vermutlich gar nicht als Nahrung erkennen. Nun ja, vielleicht die Maiskörner. Mais gibt es in meiner Parallelwelt schließlich auch. Aber dort, wo meine Protagonistin H. landet, ernährt man sich wieder ganz bewusst und klassisch von dem, was die Natur hergibt: saisonal, lokal, natürlich. Ich sammele schon (u.a. auf Pinterest) fleißig Rezepte und Nahrungsmittel, die es zwischen Beltane und Samhain im norddeutschen Flachland geben könnte. In einer der ersten Manuskriptversionen bin ich prompt in die Falle getappt: da gab es schon im Mai einen frischen Obstsalat mit Himbeeren und Pflaumen, obwohl die erst später im Jahr erntereif sind. Dabei fiel mir auf, wie erschreckend wenig ich darüber weiß, was bei uns in der Region wächst und wann es geerntet wird. Seither haben wir bei uns zu Hause am Kühlschrank einen Saisonkalender und ernähren uns zunehmend danach. Natürlich ist es angenehm, Bananen, Kiwi und Ananas das ganze Jahr über essen zu können, aber eine Rückbesinnung auf das, was saisonal und lokal vorhanden ist, ist nachhaltiger. Beim Kampf mit den Figuren hilft es zwar nicht, aber ich könnte schwören, es hilft ein ganz kleines bisschen beim Kampf mit der Figur.

Geh durch

Huettentuer grau © Helge Angermeyer (flickr)Verschlossene Türen sind spannend. Wir wüssten gern, was dahinter ist und versuchen es uns vorzustellen. Manchmal stehen wir lange geduldig davor und müssen einiges dafür tun, dass diese verdammte Tür endlich aufgeht. Wenn wir dann den ersten Schritt auf die andere Seite machen, betreten wir mit hellwachen Sinnen fremdes Terrain und gleichen bei jedem Schritt das, was wir sehen, mit dem ab, was wir uns ausgemalt hatten. Genauso aufregend kann es sein, wenn eine bisher unbekannte Tür sich plötzlich vor uns auftut, weil wir zur rechten Zeit am rechten Ort und aufmerksam waren. Im Netz, wo jede noch so abstruse Nischensubkultur nur einen Link entfernt ist, kann das jedem passieren. Aber es passiert auch sonst überall und ich hoffe, es passiert jedem mindestens ein Mal im Leben. Das tut es doch, oder? Dieses Stolpern über etwas, dessen Existenz uns ebenso überrascht wie begeistert, weil wir sofort spüren: das ist für uns. Zufall nennen das manche, oder Fügung, Intuition, Schicksal.

Ich hatte so einen Moment, als ich Die “Nebel von Avalon” von Marion Zimmer Bradley las. Das ist lange her, aber ich habe Morgaines Lehrjahre auf Avalon und das Beltaneritual bis heute nicht vergessen. Folgende Zeilen von Ray Bradbury über seine frühen Lese- und Türöffnungserfahrungen haben mich dieser Tage wieder daran erinnert:

When I was seven or eight years old, I began to read the science-fiction magazines that were brought by guests into my grandparents’ boarding house, in Waukegan, Illinois. Those were the years when Hugo Gernsback was publishing Amazing Stories, with vivid, appallingly imaginative cover paintings that fed my hungry imagination. Soon after, the creative beast in me grew when Buck Rogers appeared, in 1928, and I think I went a trifle mad that autumn. It’s the only way to describe the intensity with which I devoured the stories. You rarely have such fevers later in life that fill your entire day with emotion. [Quelle: New Yorker, 4.6.2012]

Fevers that fill your entire day with emotion. Ja, so fühlt sich das an, wenn das Feuer in uns neuen Sauerstoff bekommt. So war das damals, bei mehr als nur diesem einen Roman. So war das auch, als ich später anfing meinen Parallelweltroman zu schreiben und eines Nachts auf Youtube über das Video vom Edinburgh Beltane Fire Festival stolperte. Da war sie wieder, die Tür, die Avalon Jahre zuvor in mir aufgestoßen hatte. Das war für mich. Nächtelang hockte ich vor diesem Video, obwohl Youtube nicht einmal einen verdammten Loop-Button hat. Ich glaube, ich habe vor diesem Video alles getan, das als menschlicher Gefühlsausbruch gelten darf. Fiebernächte der Emotion, statt Tage. Und ich würde es wieder tun. Es kann nicht gut sein, wenn unsere Fantasie ungefüttert und hungrig im Kopf herumirrt, weil wir uns nicht erlauben, unbekannte Türen zu öffnen und hindurch zu gehen. Auch später im Leben.

Pssst, Nachtzug

Sie schläft sicher gleich, bei Hörbüchern schläft sie immer nach fünf Minuten ein. Habe mir noch ein paar Sätze stibitzt, aus dem “Nachtzug nach Lissabon“. Wie traurig, dass gerade diese Szene in der gekürzten Hörbuchfassung mit Walter Kreye nicht enthalten ist:

Gregorius sollte diese Szene nie vergessen. Es waren seine ersten portugiesischen Worte in der wirklichen Welt, und sie wirkten. Daß Worte etwas bewirkten, daß sie jemanden in Be­wegung setzen oder aufhalten, zum Lachen oder Weinen brin­gen konnten: Schon als Kind hatte er es rätselhaft gefunden, und es hatte nie aufgehört, ihn zu beeindrucken. Wie machten die Worte das? War es nicht wie Magie? Doch in diesem Mo­ment schien das Mysterium größer als sonst, denn es waren Worte, von denen er noch gestern morgen keine Ahnung ge­habt hatte. Als er seinen Fuß ein paar Minuten später auf den Bahnsteig von Irún setzte, war alle Angst verflogen, und er ging mit sicheren Schritten auf den Schlafwagen zu. [Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, S. 60]

P.S: An dieser Stelle des Hörbuches fehlen ganze sechs Seiten. Ich lasse ab jetzt von gekürzten Hörbüchern die Finger.

Wenn ihr denkt…

dass ich dieses Wochenende nicht blogge, weil ich mich in den Tag- und Nachtworten verheddert und den Kürzeren gezogen habe – dann irrt ihr nicht. Die Chefin hält das Ruder fest in der Hand. Zwei Sätze ließ sie mich schreiben, dann rief sie, es sei genug, dafür habe sie keine Zeit, das dauere alles zu lang. Gekocht hat sie, geputzt und gelesen. Und sie war joggen. Aber ich, ich habe mir diese zwei Sätze geklaut und werde mich in der Vollmondnacht an ihnen festhalten.

Treulos

Manja Inseltour Plakat - originalNeulich gingen meine Chefin und ich gemeinsam durch die Straßen einer fremden Stadt. Während sie auf Straßenschilder und Google Maps achtete, um sich zu orientieren, saugte ich die fremden Eindrücke auf. Irgendwann wird sie mir dafür dankbar sein. An diesem Abend aber war sie es nicht. Sie war nervös und wollte pünktlich zu ihrem Termin kommen. Alles, was ich ihr abringen konnte, waren die zweieinhalb Minuten, in denen sie dieses Plakat abfotografierte. Manja. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass sie Sängerin ist. Auf Manjas MySpace habe ich in einige Lieder reingehört. “Wenn du die Zeit hast” gefällt mir in der Akustikversion. “Sexy & Meschugge” gefällt mir ganz grundsätzlich. Aber nie wieder loslassen wird mich wohl ihr Gesicht auf dem Plakat.

In jener Nacht hat es mich an N. erinnert, eine Nebenfigur im Roman. Jetzt, wo ich das Bild wieder vor mir sehe, könnte es auch H., die Protagonistin sein. Als ich das eben zum ersten Mal dachte, erschrak ich. Es kam mir wankelmütig und unprofessionell vor, heute bei Manjas Gesicht an H. zu denken und noch vor einigen Wochen an N. – aber so war es eben. Figuren ändern sich beim Schreiben. Sie tippen uns nachts auf die Schulter und flüstern Zumutungen in unser Ohr. Lassen wir sie.