Verschlossene Türen sind spannend. Wir wüssten gern, was dahinter ist und versuchen es uns vorzustellen. Manchmal stehen wir lange geduldig davor und müssen einiges dafür tun, dass diese verdammte Tür endlich aufgeht. Wenn wir dann den ersten Schritt auf die andere Seite machen, betreten wir mit hellwachen Sinnen fremdes Terrain und gleichen bei jedem Schritt das, was wir sehen, mit dem ab, was wir uns ausgemalt hatten. Genauso aufregend kann es sein, wenn eine bisher unbekannte Tür sich plötzlich vor uns auftut, weil wir zur rechten Zeit am rechten Ort und aufmerksam waren. Im Netz, wo jede noch so abstruse Nischensubkultur nur einen Link entfernt ist, kann das jedem passieren. Aber es passiert auch sonst überall und ich hoffe, es passiert jedem mindestens ein Mal im Leben. Das tut es doch, oder? Dieses Stolpern über etwas, dessen Existenz uns ebenso überrascht wie begeistert, weil wir sofort spüren: das ist für uns. Zufall nennen das manche, oder Fügung, Intuition, Schicksal.
Ich hatte so einen Moment, als ich Die “Nebel von Avalon” von Marion Zimmer Bradley las. Das ist lange her, aber ich habe Morgaines Lehrjahre auf Avalon und das Beltaneritual bis heute nicht vergessen. Folgende Zeilen von Ray Bradbury über seine frühen Lese- und Türöffnungserfahrungen haben mich dieser Tage wieder daran erinnert:
When I was seven or eight years old, I began to read the science-fiction magazines that were brought by guests into my grandparents’ boarding house, in Waukegan, Illinois. Those were the years when Hugo Gernsback was publishing Amazing Stories, with vivid, appallingly imaginative cover paintings that fed my hungry imagination. Soon after, the creative beast in me grew when Buck Rogers appeared, in 1928, and I think I went a trifle mad that autumn. It’s the only way to describe the intensity with which I devoured the stories. You rarely have such fevers later in life that fill your entire day with emotion. [Quelle: New Yorker, 4.6.2012]
Fevers that fill your entire day with emotion. Ja, so fühlt sich das an, wenn das Feuer in uns neuen Sauerstoff bekommt. So war das damals, bei mehr als nur diesem einen Roman. So war das auch, als ich später anfing meinen Parallelweltroman zu schreiben und eines Nachts auf Youtube über das Video vom Edinburgh Beltane Fire Festival stolperte. Da war sie wieder, die Tür, die Avalon Jahre zuvor in mir aufgestoßen hatte. Das war für mich. Nächtelang hockte ich vor diesem Video, obwohl Youtube nicht einmal einen verdammten Loop-Button hat. Ich glaube, ich habe vor diesem Video alles getan, das als menschlicher Gefühlsausbruch gelten darf. Fiebernächte der Emotion, statt Tage. Und ich würde es wieder tun. Es kann nicht gut sein, wenn unsere Fantasie ungefüttert und hungrig im Kopf herumirrt, weil wir uns nicht erlauben, unbekannte Türen zu öffnen und hindurch zu gehen. Auch später im Leben.
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